Interview Airliners


Im Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) wird an Ideen für die Luftfahrt geforscht. Geschäftsführer Roland Gerhards spricht im airliners.de-Interview über die zunehmende Zusammenarbeit von Mensch und Maschine und erklärt, wie das der Flugzeugproduktion helfen wird.

 

Unter dem Motto "Forschen und Entwickeln unter einem Dach" vernetzt das Hamburger Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) Industrie und Wissenschaft. Denn gerade aus dieser Kombination lassen sich neue Technologien für die Luftfahrtbranche entwickeln, ist sich Geschäftsführer Roland Gerhards sicher. Im Gespräch mit airliners.de erläutert der Manager, wie das ZAL die unterschiedlichen Firmen - vom Start-Up bis zum Big Player - zusammenbringt, wie man Akzeptanz für Neuerungen bei den Fachkräften schafft und warum die Themenkomplexe Robotik sowie Automatisierung die zentralen Themen der Luftfahrtindustrie für die kommenden Jahre sein werden.

 

airliners.de: Herr Gerhards, die zweiten "ZAL Innovation Days" stehen am 27. und 28. Februar an. Diesmal geht es um das Thema Robotik und Automatisierung. Warum dieses Thema?
Roland Gerhards: Wir glauben, dass der Zusammenschluss aus Luftfahrt und Robotik eines der hochaktuellsten Themen in der Luftfahrt ist. Robotik und Automatisierung sind prädestiniert dafür, die Fertigung von Flugzeugen zu verbessern und weiterzuentwickeln. Denn anders als in der Automobilindustrie, bei der die Automatisierung schon seit einigen Jahren zum Standard gehört, steckt das Thema bei der Flugzeugindustrie noch in den Kinderschuhen. Wir glauben auch, dass sie bei der Flugzeugproduktion einen anderen Weg einschlagen wird.

 

Wie sieht der andere Weg aus?
Mensch und Maschinen werden in der Flugzeugproduktion zusammenarbeiten. Der Mensch wird also nicht, wie wir das aus der Automobilindustrie kennen, maßgeblich von Robotern ersetzt. Sondern Roboter werden dem Menschen die Arbeit leichter machen und ihn unterstützen. Was gerade im Hinblick auf steigende Raten bei der Flugzeugproduktion auch nötig sein wird. Denn diese wird man nicht schaffen, indem man die Zahl der Fachkräfte erhöht, sondern wenn Menschen und Maschinen enger, besser und effizienter zusammenarbeiten.

 

Seit wann ist denn die Automatisierung ein fester Bestandteil der Flugzeugproduktion?
Das Ganze muss man ein bisschen unterscheiden: Es gibt natürlich Bereiche in der Luftfahrtindustrie, die schon lange automatisiert sind, zum Beispiel die Teilefertigung oder auch die Schalmontage. Airbus setzt beispielsweise bei ihrer Hamburger Fertigung Nietroboter ein. Neu ist seit drei, vier Jahren, dass Menschen und Roboter gemeinsam arbeiten. Das ist aber erst möglich, seit die Sensorik soweit ist, dass Roboter Menschen auf keinen Fall verletzen können.

 

Zum Interviewpartner

 

Roland Gerhards war 15 Jahre lang bei Airbus in Hamburg und Toulouse in verschiedenen Positionen tätig, unter anderem als Head of Cabin Desgin Electric A380. Seit Mai 2012 ist er Geschäftsführer des Zentrums für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) mit Sitz in Hamburg-Finkenwerder.

 

Wie kann man sich diese Mensch-Maschine-Kooperation konkret vorstellen?
Der Roboter kann dem Menschen beispielsweise Werkzeug oder Material anreichen. Konkret heißt das, wenn der Werker neue Nietverbindungen braucht, fordert er diese über ein Tablet oder zukünftig auch per Sprachsteuerung an. Roboter bringen dann autonom die entsprechenden Materialien zum Menschen. So kann dieser seine hochspeziellen Tätigkeiten weiter durchführen - ohne zu einer Pause gezwungen zu werden. Bei Airbus sind in der Hamburger Assembly-Line aktuell zwei dieser Roboter im Einsatz.

 

Das klingt sehr nach einer Effizienzsteigerung?
Klar, dadurch wird die Arbeit natürlich effizienter. Es gibt aber auch positive Effekte für den Werker. Denn eine weitere Entwicklung, an der im ZAL gearbeitet wird, ist das Exoskelett. Damit kann der menschliche Körper beispielsweise bei der Hand- oder Armkraft maschinell unterstützt werden. Das ist natürlich bei den hohen Taktzahlen ein wahrer Vorteil. Denken Sie an den Einbau von Overhead-Bins. Eins geht noch gut - aber nach 20 sieht die Welt anders aus.

 

Wie schätzen Sie die langfristige Entwicklung ein?
Es wird immer mehr smarte Roboter, sogenannte Cobots, geben. Cobots steht für 'Collaborative Robots' - also Roboter, die mit Menschen zusammenarbeiten. Wir werden nicht sehen, dass Menschen ersetzt werden. Ich bin mir sehr sicher, dass durch Robotik keine Arbeitsplätze verloren gehen werden. Eher im Gegenteil: Wir müssen die Fachkräfte, die wir haben, sorgsam schützen. Flugzeugbau ist und bleibt anspruchsvoll und zeitintensiv, daher werden aktuell Roboter entwickelt, die mit dem Menschen gemeinsam arbeiten sollen. Da stehen wir noch am Anfang, das wird uns noch die nächsten zehn bis 15 Jahre beschäftigen.

 

Mensch und Maschine arbeiten zusammen; nehmen die Techniker die Roboter als Partner an?
Ja, auf jeden Fall, wobei die Herangehensweise wichtig ist. Es ist wichtig, die Menschen, um die es geht, in den technischen Fortschritt mit einzubeziehen. Bei uns im 'ZAL Techcenter' können die Mechaniker die Innovationen beispielsweise direkt ausprobieren und rückmelden, was sie als komfortabel oder eher unpraktisch empfinden. Damit erfahren neue Lösungen im späteren Einsatz eine viel höhere Akzeptanz.

 

All die angesprochenen Lösungen sind bei Ihnen am ZAL entwickelt worden?
Das 'ZAL Techcenter' gibt es seit genau drei Jahren. In der Tat kommen inzwischen vielen Lösungen aus unserem Haus. Aktuell haben wir 35 Unternehmen, die bei uns im Gebäude gemeinsam forschen und entwickeln. Dazu gehören Airbus und Lufthansa Technik ebenso wie Start-Ups, beispielsweise Synergeticon oder 3D.aero. Und dann haben wir noch die ZAL GmbH, die auch selbst forscht. Gerade haben wir einen Batterieroboter entwickelt, der bei Lufthansa Technik automatisch Batterien wieder auffüllt. Der Roboter kann das autonom, ohne dass noch ein Mensch mit einer Pipette ranmuss.

 

Wie lange hat die Entwicklung des Roboters gedauert?
Von der ersten Idee bis zur Umsetzung hat das ein halbes Jahr gedauert. Jetzt machen wir ihn gerade industriereif. Damit kann er künftig mehrfach gebaut werden. Die reine Entwicklung hat aber nicht länger als ein halbes bis dreiviertel Jahr gedauert.

 

Das klingt relativ schnell.
Ja, das ist auch unser Ziel am ZAL. Als Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung ist es unsere Aufgabe, Ideen schnell in die Umsetzung zu bringen und zur Marktreife zu führen. Mit dem Ziel, dass die Luftfahrt schnell davon profitieren kann - aber auch um schnell Geld verdienen zu können. Das ist unsere Mission hier im 'ZAL Techcenter'. Das machen wir mit verschiedenen Partnern.

 

Vernetzen Sie diese Unternehmen aktiv?
Ja, das tun wir ganz aktiv. Mit Gründung des 'Techcenters' haben wir das Forschungsnetzwerk Luftfahrt ins Leben gerufen und versuchen, mit zwei Dutzend Formaten Firmen aktiv zu verbinden. Denn es sind nicht immer die Fachexperten der eignen Disziplin, die man vielleicht ohnehin schon kennt, die einem bei einer Problemlösung weiterhelfen können. Wir gehen davon aus, dass es die Vernetzung verschiedener Unternehmen und Fachbereiche ist, die der Entwicklung von Innovationen Antrieb gibt. Und genau das unterstützen wir.

 

Die Veranstaltung

 

Die ersten "ZAL Innovation Days" fanden im November 2017 statt, damals zum Thema "Innovation & Platform Collaboration". Am 27. und 28. Februar gibt es die Veranstaltung zum zweiten Mal - zum Thema "Robotics & Advanced Automation". Gerechnet wird mit 140 bis 160 Teilnehmern. Schirmherr der Veranstaltung ist der Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek. Die Keynote hält der Robotik-Pionier Peter Haas von der Brown University. Teilnehmende erwarten nicht nur Vorträge, sondern auch Workshops, Führungen und eine Ausstellung. Ein Highlight ist der Kickertisch-Roboter, der zeigt, was mit künstlicher Intelligenz bereits alles machbar ist. Infos

 

Wie gestaltet sich das konkret?
Eine dieser Maßnahmen ist unsere Lunch-Connection, eine Art Blinddate zu viert. Eine weitere sind die 'ZAL Innovation Days'. Diese widmen sich jeweils einem aktuellen Branchenthema und behandeln dieses mit technischer Tiefe, was internationales Publikum und internationale Redner anspricht.

 

Welche weiteren Entwicklungen fanden oder finden am ZAL statt?
Wie bereits angesprochen, wird das Thema Exoskelett im ZAL voran getrieben. Als ZAL GmbH erproben wir gerade einen Roboter, der mit 'Machine Learning' programmiert ist: Er kann unterscheiden, ob er an einem Menschen oder an einem Tisch vorbeifährt. Ist es ein Mensch fährt er einen größeren Bogen. Früher blieb der Roboter einfach vor Hindernissen stehen ... Ziel ist natürlich, dass er pünktlich an seinem Ziel ankommt. In einem anderen Projekt arbeiten wir gerade an der Kombination aus Robotern und 3D-Druck. Ziel ist hier, dass man künftig auf bestehendes Material drucken kann. Das ist gerade ganz hoch im Trend.

 

Herr Gerhards, vielen Dank für das Gespräch.

 

(Von: br)

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